Eintauchen

«Wenn wir bewahren wollen, was wir haben, müssen wir das Neue zulassen. Können wir Entwicklungen aufhalten? Wie können wir uns dazu verhalten? Schwimmen wir mit dem Strom? Wofür stehen wir, was wollen wir? Haben wir Möglichkeiten, Entwicklungen zu gestalten? Werden wir gestaltet? Sind wir mutig genug, alles zu ändern? Muss alles anders werden vs. Wir müssen alles ändern…»

Mit diesen Worten begann im Februar 2010 eine eMail von Christine Post an uns, in der sie ihre ersten Gedanken zur kommenden Saison formuliert, ihrer ersten in Bielefeld. Und wir waren begeistert, dass jemand im Theater ein so politisches und soziales Thema im Kopf hat. Jetzt mit Beginn der Spielzeit 10/11 ist daraus ein Büchlein geworden, dass sicher anecken dürfte, denn es ist unruhig und nicht immer lesefreundlich. Rund um das Thema Wasser als Metapher für die kulturelle und politische Dimension von Theater, arbeitet das Heft mit verschiedenen Bildwelten und Texten, die eine Brücke zwischen den Darstellern, den Stücken und dem Publikum bauen. Neben den üblichen Service- und Stücktexten dienen Illustrationen, assoziative Stück- und Songtexte, Zitate, Fragmente aus Wikipedia, Wolfram Alpha und anderen Quellen als stets nur fragmentarisch genutzte zusätzliche Informationsebene – das Resultat ist ein fluides, oft überbordendes Layout, in dem die einzelnen Elemente, zerissene Bilder und entwurzelter Text, so unsicher schwimmen wie Treibholz auf Wasser, das mal trügerisch ruhig, mal reissend sein kann. Voller Störungen, Irritationen und Tangenten lädt das Heft zum entschleunigten Decodieren und Entdecken ein, greift die Unsicherheit und Veränderung der Zeit auf und wird so trotz knapper Kulturbudgets zu einem mutigen, fast punkigen visuellen Statement von Intendant Michael Heicks und seinem Team.

Wir freuen uns im fertigen Heft über die spürbare Energie und Leidenschaft von Christine Post und Michael Heicks, die dieses Heft durch alle anstrengenden Prozesse mit uns gemeinsam durchgeboxt haben, über die Photos von Philipp Ottendörfer, der vor allen bei den Bildern unter Wasser und mit den «gefrorenen Bildern» wunderbare Arbeit geleistet hat, und über die kryptischen Zitatfragmente und Andeutungen, die wir sozusagen in die zweite Textebene hinter den Texten schmuggeln konnten, die fast unkenntlich gemacht sind, aber für uns alle Erinnerungen und Assoziationen auslösen – und das hoffentlich auch beim Leser tun werden, wenn er sich auf das Eintauchen in die seltsame Wasserwelt des Theater Bielefelds einlässt.

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